Live in Berlin: Mein Grußwort zum 35-jährigen VBM-Jubiläum

Am 9. Juni 2026 lud der Verband Berufstätiger Mütter e.V. anlässlich seines 35-jährigen Bestehens zu einer Fachveranstaltung zu Vereinbarkeit, Gleichstellung und Care-Arbeit ein. Die VBM-Liverunde wurde beim Berliner Fernsehsender ALEX Berlin ausgestrahlt und brachte unterschiedliche fachliche Perspektiven auf strukturelle Reformbedarfe zusammen.

Es war mir eine große Ehre, das Grußwort an den Verband Berufstätiger Mütter richten zu dürfen. An dieser Stelle möchte ich es gern noch einmal festhalten:

35 Jahre Verband Berufstätige Mütter bedeuten 35 Jahre politische Arbeit zu der Frage:

Wie können Mütter erwerbstätig sein, Kinder begleiten, Angehörige versorgen, Verantwortung übernehmen — ohne dafür beruflich, finanziell oder sozial bestraft zu werden?

35 Jahre Verbandsarbeit.
35 Jahre Engagement.
35 Jahre Ehrenamt.

Unbezahlt.

Ins Leben gerufen und getragen von Müttern, die gesagt haben: So nicht mehr!

Der VBM wurde 1990 in Köln gegründet. Am Küchentisch. Dort, wo seit jeher Brotdosen gepackt werden, Hausaufgaben besprochen und Einkaufslisten geschrieben werden.

1990 war ein Jahr des Umbruchs, der Wiedervereinigung. Zwei gesellschaftliche Realitäten prallten aufeinander. Ich bin in der DDR aufgewachsen - mit Kindergärten, Hortbetreuung und arbeitenden Müttern. Was für mich normaler Alltag war, war für die Mütter in den alten Bundesländern verbunden mit Rechtfertigung, Stigmatisierung und Kampf.

Genau hier setzte damals die Gründungsidee des VBM an.

Ein Verband, der berufstätigen Müttern eine politische Stimme gab und vehement für den Ausbau flexibler und verlässlicher Betreuungsangebote eintrat. Er kämpfte dafür, dass Mütter einer existenzsichernden Erwerbstätigkeit nachgehen können — auch, um Altersarmut durch unzureichende Rentenansprüche zu verhindern. Er forderte familienfreundlichere Arbeitsbedingungen und bessere Karriereoptionen.

Und aus diesem Vorhaben 1990 wurde bundesweite Arbeit. Sie führte in Bündnisse, Gremien, direkte Beteiligung bei Gesetzgebungsverfahrungen, Anhörungen, Stellungnahmen — und mit der Zeit immer stärker nach Berlin. Dorthin, wo heute über die Rahmenbedingungen entschieden wird: Familienpolitik, Gleichstellungspolitik, Arbeitsmarktpolitik, Steuerpolitik und Rentenpolitik.

Wenn wir heute, 35 Jahre später schauen, wo wir stehen, dann hat sich an den Zielen nicht wirklich viel geändert. Noch immer geht es um etwas Grundsätzliches: um den Widerspruch zwischen dem, was Mütter leisten, und dem, wie wenig diese Leistung politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich anerkannt wird.

Und dennoch hat sich etwas Grundlegendes verändert: Heute wird von Müttern ERWARTET, dass sie erwerbstätig sind. Dass sie Fachkräftelücken schließen und monetär leisten.
Aber die Bedingungen haben mit dieser Erwartung nicht Schritt gehalten. Die Erwerbsarbeit ist dazugekommen — die Sorgearbeit ist geblieben.

Der VBM bringt seit jeher Bewegung vom privaten Raum in den politischen Raum. Was ihn ausmacht, sind die Frauen, die diese Bewegung erzeugen. Aus eigenem Bedarf, aus eigener Erfahrung, aus eigenem Schmerz.

Jeden Tag.

Frauen, die nach ihrer Erwerbs- und Sorgearbeit noch Anträge aufsetzen, Stellungnahmen schreiben, Veranstaltungen organisieren. Frauen, die in Gremien sitzen, Zahlen zusammentragen, Gespräche führen.

Das war und ist eine der großen Leistungen der Menschen im VBM. Menschen, die ihre eigene Erfahrung nicht bei sich behalten, sondern Wissen für andere verfügbar machen, solidarisch und mit politischer Sichtbarkeit.

Heute ist ein Anlass zurückzuschauen, was bereits geschafft wurde aber auch im hier und jetzt, wo wir heute stehen. Denn heute kämpfen wir Frauen nicht mehr allein - uns stehen Männer an der Seite, die ebenfalls sagen: So nicht mehr!

Väter, die Verantwortung übernehmen wollen. Männer, die sehen, dass Sorgearbeit nicht automatisch bei Frauen liegen darf. Männer, die verstanden haben, dass sich das System ändern muss - weil sie selbst mit ihren Vorstellungen einer Vaterschaft an genau diesem System scheitern.

Care und Erwerb sind keine Frage des Geschlechts. Sie sind gesellschaftliche Aufgaben. Damals wie heute.

Genau deshalb ist dieses Jubiläum mehr als ein Rückblick: Ja, es zeigt, was erreicht wurde, aber auch, warum der VBM weiter gebraucht wird — und die heutige Fachveranstaltung, in der interdisziplinär Reformideen vorgestellt und diskutiert werden, zeigt, wie stark er sich dieser Aufgabe widmet.

35 Jahre VBM sind 35 Jahre unbezahlte Arbeit dafür, dass unbezahlte Arbeit sichtbar wird.

Das bringt es ziemlich bitter auf den Punkt – und zeigt gleichzeitig eine sehr starke gesellschaftliche und politische Leistung.

Auch im Namen des Netzwerkes Unpaid Care Work sage ich: Danke für eure Pionierarbeit. Danke, dass ihr Vorreiterinnen wart und seid. Danke für ein netzwerkübergreifendes WIR.

Herzlichen Glückwunsch zu 35 Jahren Verband Berufstätiger Mütter!

Dann wurde es konkret:

Bei der Fachveranstaltung kamen Menschen zusammen, die aus unterschiedlichen Perspektiven auf Vereinbarkeit, Gleichstellung und Care-Arbeit schauen: aus langjähriger Verbandsarbeit, Recht, Verwaltung, Wirtschaft, Pflege, Väterperspektive und wissenschaftlicher Forschung. Ein besonderer Programmpunkt war die exklusive Vorstellung einer Prognos-Expertise zur Wirkungsweise des lohnarbeitszentrierten Elterngeldes.

Diskutiert wurden außerdem Elterngeld, Familienleistungen, unbezahlte Sorgearbeit, Pflege, Fachkräftemangel, Altersvorsorge und die Frage, wie Vereinbarkeit verlässlich gelingen kann. Deutlich wurde, wie eng diese Themen miteinander verbunden sind: Wenn Care-Arbeit unsichtbar bleibt, entstehen Folgen für Erwerbsbiografien, Einkommen, Rentenansprüche, Unternehmen und den gesamten Arbeitsmarkt.

In der Abschlussdiskussion wurden die verschiedenen Perspektiven zusammengeführt und auf konkrete Reformbedarfe zugespitzt.

>> Die Veranstaltung wurde aufgezeichnet und ist bis Mai 2027 hier verfügbar <<

Franziska Büschelberger

Franziska Büschelberger wurde 1974 in Berlin geboren und zog allein zwei Söhne groß. Als Inhaberin von B.IST Analysen visualisiert sie Unternehmenskultur und Mitarbeiterzufriedenheit. 2024 gründete Büschelberger Unpaid Care Work – die fiktive Arbeitgeberin und Bildungseinrichtung unserer Gesellschaft, mit der Eltern und Pflegende befähigt werden, ihre Leistung aus unbezahlter Sorgearbeit sowie die dabei erworbenen Kompetenzen zu erkennen und selbstwirksam auf beruflicher Ebene sichtbar zu machen.

https://www.franziska.bueschelberger.de
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